Die Weckschnapp – wie ein Turm zu einer Geschichte kam, mit der er eigentlich gar nichts zu tun haben kann

Unten am Rhein, am Konrad-Adenauer-Ufer, steht ein mittelalterlicher Turm, der in ein Wohnhaus integriert ist. Dieser Turm wird mit einer alten Kölner Sage in Verbindung gebracht. >>> Die Sage der Weckschnapp

Die "Weckschnapp" am Konrad-Adenauer-Ufer

Die Sage der Weckschnapp erzählt von einem Turm, in den im Mittelalter Gefangene eingesperrt wurden, die durch die sogenannten „heimlichen Gerichte“ bzw. "Femegerichte" verurteilt worden sind. Die dort Eingesperrten bekamen weder etwas zu essen, noch etwas zu trinken und waren einem qualvollen Tod ausgeliefert.

Die einzige Möglichkeit an etwas Essbares zu gelangen, war ein Sprung zu einem Laib Brot (Wecken), der oben an der Decke hing. Sprang der verzweifelte Gefangene allerdings nach diesem Brot, öffnete sich unter ihm eine Falltür und er fiel durch ein mit scharfen Messern gespicktes Loch direkt in den Rhein. Und das wahrscheinlich nicht mehr ganz in einem Stück.

Nur ein einziger Gefangener soll den Sturz in den Rhein überlebt haben. Der Sohn einer reichen Kaufmannswitwe, der von seiner eigenen Mutter wegen Diebstahls angeklagt wurde, soll so zwischen den Messern durchgefallen sein, dass er unverletzt im Rhein ankam und sich retten konnte.

>>> Soweit die Sage

Tatsache ist aber, dass der Turm oben auf dem Bild nachweislich nie eine Verbindung zum Rhein hatte. Folglich können sich diese Dramen dort gar nicht abgespielt haben.

Schriftlich festgehalten wurde diese Sage das erste Mal 1826 von Ernst Weyden in seinem Buch „Cölns Vorzeit“.
In diesem Buch schreibt der Autor, dass es sich bei dem Turm, der vom den Kölnern „Weckschnapp“ genannt wurde, um einen in den Rhein hineingebauten Vorsprung handelte, der bei dem Eisgang von 1784 zerstört wurde.

Hier auf der Kölner Stadtansicht von 1570 kann man sehr gut sehen, dass es sich um eine Bastion an der mittelalterlichen Stadtmauer handelte. Sie bestand aus dem Kunibertsturm, einer in den Rhein gebauten Ark und dem Türmchen, das wir heute Weckschnapp nennen.

Kunibertstorburg Ark Türmchen und Leinpfad 1571


Jetzt könnte man sagen, da gab es also in Köln einen Turm, über den eine gruselige Geschichte erzählt wurde, und was passiert? Der Turm wird bei einem Hochwasser zerstört. Was aber kein Problem ist, denn ein Stückchen weiter hinten steht ja noch so ein Turm. Also erzählen wir diese gruselige Geschichte ab jetzt über diesen Turm. 
Könnte man! Man kann es aber auch mit den Worten Weydens beschreiben:

„Jede Stadt, ja fast jedes Dorf hat mehr oder weniger seine Sagen, welche die Zeit geheiligt; und ein Frevel ist es, mit Gewalt dem Volke seinen Glauben an diese Dinge rauben zu wollen.“ 
(Ernst Weyden, Cölns Vorzeit)


Mittlerweile wird ja sogar angezweifelt, dass es in Köln früher überhaupt zu solchen grausamen Hinrichtungen kam. Aber diese Kleinigkeit lassen wir jetzt mal außen vor ;)

Kommentare:

  1. Ich bin als Kind in Bonn auf den Turm aufmerksam geworden in den 60ern durch eine Reportage in "Schöner Wohnen" bei unserer Nachbarin. Damals war der Umbau zum Wohnhaus noch gan frisch & sensationell.
    Ja, und die Schauergeschichte habe ich dann erst kennen gelernt, als ich mich mit der Kölner Geschichte für den Unterricht auseinandergesetzt habe. Nur wer den Mercatorplan genau studiert, müsste doch gleich auf die Ungereimtheiten aufmerksam werden.
    LG aus Nippes!
    Astrid

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    1. Hallo Astrid, erst einmal vielen Dank für deinen Kommentar. Schön, dass du mal vorbeigeschaut hast:) Du hast natürlich recht: Wer sich den Mercatorplan ansieht, müsste eigentlich sofort sehen, dass hier etwas nicht stimmt. Auf der anderen Seite machen sich bestimmt nicht viele "die Mühe" einer alten Sage auf den Grund zu gehen. Ich habe damals in der Schule schon davon gehört und für mich war es einfach nur eine spannende Geschichte.
      LG aus Ehrenfeld!
      Monika

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